Online-Andacht

Komm mit, den lieben Gott besuchen!

Eine Geschichte erzählt von einem kleinen Mädchen, das an der Tür des Pfarrhauses sturmläutete. Als der Pfarrer öffnete, sagte es mit recht entschiedener Stimme: „Hallo, ich möchte den lieben Gott besuchen!“ Man kann sich vorstellen, wie sprachlos der Pfarrer war, was bei Pfarrern eher selten vorkommt. „Ich weiß, er wohnt eigentlich da drüben“, fuhr das Mädchen fort und zeigte auf die mächtige, alte Kirche, „aber dort ist abgeschlossen und ich finde auch keine Klingel“. Der Pfarrer, der langsam seine Sprache wieder fand, bat den ungewohnten Gast herein. „Weißt du denn auch, wie du mit Gott reden kannst?“ fragte er. „Natürlich“, das Mädchen schien erstaunt, es ihm erklären zu müssen, „mit beten. Das geht eigentlich ja überall. Aber diesmal ist es so wichtig, dass ich das Gott bei ihm zuhause erzählen muss.“ „Aber wenn Gott gerade mal nicht zuhause ist?“, wendet der Pfarrer ein. „Gott ist doch immer da. Gerade in seinem Haus!“ Das Mädchen blickt den großen Mann verständnislos an. Der Pfarrer zuckt zusammen. War er hier der Zweifler? Konnte er der kleinen Besucherin nur das Gebet, aber keinen Ort anbieten?

Ob sie wohl hinübergegangen sind in die Kirche, der Pfarrer und das Mädchen? Ich weiß es nicht. Ich hoffe aber, sie sind den Spuren derer gefolgt, die in den vielen Kirchengebäuden dieser Welt Gott begegnen wollen. Oft freilich mit der skeptischen Frage, die bereits Salomo im Haus Gottes, im Tempel von Jerusalem gestellt hat: Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? (1. Könige 8,27) Diese Frage ist nur zu verständlich. Wenn dieser Himmel Gott nicht fassen kann, wie dann ein Haus wie der Tempel in Jerusalem oder unsere Cantate-Kirche, deren 30-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr feiern? Wir wissen: Gott lässt sich nicht an einen Ort binden, er ist nicht nur an einem Ort anzufinden. Aber er verbindet sich mit Orten, an denen er uns begegnen will. Auch oder vielleicht gerade in der Kirche, dem Haus Gottes. Und so frage ich mich: Wo könnte in unserer Cantate-Kirche so ein Ort sein, an dem Gott uns auf ganz besondere Weise begegnen will, wo wir also den Himmel mitten unter uns spüren können?

Vielleicht am Taufstein. Als Jesus getauft wurde, so können wir es in den Evangelien lesen, da tat sich der Himmel auf und eine Stimme sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und immer, wenn wir ein Kind, einen Jugendlichen oder einen Erwachsenen taufen, dann tut sich der Himmel ebenso auf wie damals bei Jesus. Und Gott wiederholt seine Worte: „Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe. Auch in dir und durch dich kommt der Himmel auf Erden.“

Auch die Bibel, die auf unserem Altar liegt, ist solch ein Ort – denn in diesem Buch können wir es nachlesen, wie und wo Gott uns begegnen will. Die Bibel erzählt uns, wie wir zu einem erfüllten Leben finden, wie wir den Himmel auf Erden finden können. In der Bibel können wir all die Worte nachlesen, die Gott zu uns gesprochen hat, durch die er uns nahe kommen will. Mit denen er uns als Gemeinde ansprechen und uns Mut und neue Kraft schenken will.

Wenn wir in unserer Kirche nach Orten suchen, an denen uns Gott begegnet, dann sollten wir auch nach oben blicken zum Kreuz. In Jesus, seinem Sohn, ist Gott Mensch geworden. In ihm kommt er uns nahe, nirgends können wir Gott intensiver begegnen als in seinem Sohn. Er hat uns gezeigt, dass der Himmel uns dort nahe kommt, wo Menschen einander begegnen und Gutes tun, wo sie nicht nur für sich, sondern für die anderen leben. Wie Jesus selbst es getan hat. Dafür ist er am Kreuz gestorben. Doch das Kreuz war nicht das Ende. Nach drei Tagen ist er auferstanden, hat Gott ihm neues Leben geschenkt.

Die leuchtende Ostersonne und das Osterfenster hinter dem Altar deuten den Morgen an, an dem Jesus von den Toten auferstand. Der Morgen, der davon erzählt, dass Gott die Trennung zwischen oben und unten, Himmel und Hölle, Licht und Finsternis aufgehoben hat.

Es gibt viele verschiedene Orte an denen wir Gott begegnen können. Gott ist überall zu finden er lässt sich nicht auf einen Ort festlegen. Trotzdem meine ich immer, wenn ich die Cantate-Kirche betrete, Gott plötzlich näher zu sein. Der Blick ist nach vorne gerichtet, durch das Osterfenster leuchtet mir das Licht entgegen. Und ich meine, spüren zu können, von welchen Vorstellungen die Menschen, die vor mehr als 30 Jahren diese Kirche geplant haben, durchdrungen waren. Diese Kirche sollte zum einen „Weg-Kirche“ sein nach dem Motto: „Wir sind unterwegs zu Gott, wir richten uns nach ihm aus, wir schauen dem Licht entgegen.“ Zum anderen aber sollte sie auch „Ort-Kirche“ sein nach dem Motto: „Gott ist unter uns. Gott wird im Dialog der Gemeinde erfahren, wir gehören zusammen.“ Und ich fühle mich geborgen unter den einander zuneigenden Dachflächen, die an zwei große Flügel und damit einen Vers aus dem 57. Psalm denken lassen: Gott, unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht.

Natürlich wohnt Gott nicht ausschließlich in dieser Kirche oder in all den anderen von Menschen erbauten Häusern Gottes. Das hat auch Salomo in seinem Tempelweihgebet erkannt: Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?, fragt er voller Staunen und Ehrfurcht.

Gott wohnt nicht in von uns Menschen erbauten Häusern. Aber vielleicht will er uns mit diesen Häusern einen Raum schaffen, ihm auf ganz besondere Weise nahe zu kommen, ihn intensiver erfassen und spüren zu können. Und so dem Himmel etwas näher zu kommen. Hier in der Ruhe seines Hauses fällt es uns vielleicht leichter, mit ihm in Beziehung zu treten, mit ihm zu sprechen. Und so bittet Salomo auch inständig: Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet und wollest hören das Flehen deines Knechtes. Und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein. (1. Könige 8,30) Natürlich können wir überall zu Gott beten und er wird uns auch sicher überall anhören und sich uns zuwenden. Gott braucht diesen besonderen Ort, die Kirche nicht, um mit uns in Beziehung zu treten. Aber vielleicht brauchen wir so einen Ort der Ruhe, der Besinnung, der Stille, in der wir heraustreten können aus unserer oft so lauten, unruhigen Welt. „Beten, das geht eigentlich überall, aber diesmal ist es so wichtig, dass ich das Gott bei ihm zuhause erzählen muss“, meinte das Mädchen in der Geschichte.

Ich bin überzeugt davon: Es ist gut, dass Gott ein Haus hat. Ein offenes Haus, das uns einlädt zum Beten und Feiern. Und wir gehen dorthin, weil wir solche Hausbesuche brauchen. Natürlich können wir Gott überall begegnen, nicht nur in der Kirche. Er ist nicht nur dort, sondern auch im Wald, am Arbeitsplatz in der Schule und im Krankenzimmer. Trotzdem ist es wichtig, dass Gott eine Adresse hat. „Gott im Himmel“ heißt die Adresse eigentlich. Doch genauso ist „Gott, in der Kirche“ eine wichtige Adresse. Denn das Kirchengebäude ist Gottes großes Gästezimmer. Ein Gästezimmer, das uns offensteht. Uns und anderen Und so möchte ich auch Sie einladen: Komm mit, den lieben Gott besuchen.

Susanne Kießling-Prinz, Pfarrerin

Mai 2015

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