Online-Andacht

Reformation und Toleranz

Im Jahr 2017 wartet ein großes Jubiläum auf uns: 500 Jahre Reformation! Bereits seit mehreren Jahren laufen die Vorbereitungen für „Luther 2017“. Das Thema dieses Jahres lautet Reformation und Toleranz.
Toleranz – ein sehr eingängiges, aber nicht unbedingt einfaches Thema für das Jahr 2013. Wer von uns würde nicht behaupten, dass er für Toleranz eintritt und sich für einigermaßen tolerant hält.
Doch was bedeutet es tolerant zu sein? Schon bei der Definition des Begriffs zeigen sich Probleme: Heißt Toleranz, ich muss alle anderen Menschen und alle mir fremden Verhaltensweisen widerspruchslos annehmen? Im konkreten Alltag würde das bedeuten: Ich akzeptiere verkaufsoffene Läden am Totensonntag, den lauten Rasenmäher meines Nachbarn in der Mittagsruhe und pöbelnde Hooligans nach verlorenen Fußballspielen.
Wo beginnt Toleranz für mich, wo hört sie auf? Wo liegen ihre Wurzeln? Das Wort Toleranz kommt aus dem Lateinischen. Tolerare heißt dulden, und meint so viel wie die Fähigkeit, etwas tragen, ertragen zu können. Doch was soll hier getragen / ertragen werden? Die Antwort ist kurz und knapp: Das Anderssein des Anderen. Das Anderssein des Anderen soll getragen werden, ohne dass ich dabei seiner Meinung sein muss oder seine Haltung immer gut heißen muss.
Man könnte auch sagen: Toleranz bedeutet immer Ja und Nein zugleich. Ja zu einer eigenen Position. Ja zu einer überzeugten Haltung, die mir für mein Leben wichtig ist. Und damit eben auch ein Nein zu anderen Haltungen. Ein Nein zu bestimmten Positionen und Vorstellungen, die andere ver-treten. Daraus darf kein schnelles „Jein“ werden. Toleranz ist etwas anderes als Gleichgültigkeit. Toleranz ist Ja und Nein zugleich. Nämlich auch das Ja dazu, dass es andere Positionen gibt, selbst wenn sie nicht meine Positionen sind. In meiner Toleranz hebe ich die Fremdheit des anderen nicht auf. Ich kann nicht überspielen, was für mich fremd ist und vielleicht fremd bleiben wird. Aber ich gebe diesem anderen Respekt. Denn ich weiß, dass ich selbst auch nicht fertig bin mit der Wahrheit. Ich brauche es, dass andere mich korrigieren und ergänzen, so wie ich andere auch korrigieren und ergänzen kann.
So hat Toleranz auch sehr viel mit Freiheit zu tun. Auch wenn Martin Luther nicht unbedingt ein Verfechter des Toleranzgedankens war, hat er doch durch sein Werk von der Freiheit eines Chris-tenmenschen mitgeholfen, den Samen der Toleranz zu legen. Diese Freiheit eines Christenmenschen bewährt sich darin, dass wir auch den Menschen, der ganz anders ist als wir selbst, als Nächsten, als Geschöpf Gottes erfahren. Und es ihm zubilligen, dass er seinen Glauben, seine Überzeugungen auch dann lebt, wenn sie uns nicht gefallen. Toleranz gibt den Menschen, die miteinander leben einen freien Raum der Verständigung. Toleranz ist nicht einfach da, sondern kann nur gemeinsam erlernt und gegangen werden.
Und wer hätte uns das besser vorgemacht als Jesus. Er ist auf die Menschen zugegangen ohne Vorbehalte und ohne auf die Ressentiments der Menschen seiner Zeit Rücksicht zu nehmen. Er hat versucht, sie kennenzulernen, herauszufinden, warum sie so sind, wie sie sind. Weil er in jedem Menschen ein von Gott geschaffenes und geliebtes Gegenüber erkannt hat. Trotzdem hat er mit seinem Glauben, seiner Einstellung nicht hinter dem Berg gehalten und sehr deutlich gesagt, wie ein von Toleranz und Nächstenliebe geprägtes Zusammenleben aussehen soll.
Toleranz, auch wenn dieses Wort in der Bibel nicht vorkommt und natürlich auch von Jesus nie verwendet wurde, kann Jesus uns ein gutes Vorbild in Sachen Toleranz sein. Denn auch uns ist die Aufgabe gestellt, uns in unserem Leben immer wieder fortzuentwickeln und unsere Kirche immer wieder zu erneuern und zu reformieren – hin zu mehr Toleranz und Miteinander.

Susanne Kießling-Prinz
Pfarrerin

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