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Distanz und Nähe

Distanz und Nähe (Gedanken zu Lukas 24, 13-35: Die Emmausjünger)

Noch befinden wir uns in der Osterzeit, mitten im Zentrum unseres Glaubens.
Die Geschichte über die Emmausjünger gehört zu den bekanntesten Auferweckungsgeschichten. Nach dem Schock der Kreuzigung beschließen sie Jerusalem zu verlassen. Sie suchen die Distanz. Lichtjahre wollen sie legen zwischen sich und die Erfahrungen mit ihrem Herrn – oder doch zumindest einen entsprechenden Sicherheitsabstand. Sie gehen nach Emmaus, wohl zurück in ihre Heimat, zurück in das Gewohnte, die sichere Höhle, weg von all dem, was sie aufrühren könnte, von dem, was Auseinandersetzung, gar Veränderung und Mut erfor-dern würde. Denn sie verlassen Jerusalem zu einem Zeitpunkt, als die Frauen sie bereits mit der Nachricht von der Auferweckung Jesu „erschreckt“ haben, und die Nachricht auch noch bestätigt worden war. Nein. Lieber nicht. Danke. Bloß weg hier. Wie komm ich hier bloß wieder raus?
Doch Jesus lässt sie nicht aus. Er geht ihnen nach. Er kommt ihnen nahe. Er lässt sie sprechen über das Vergangene, über ihre enttäuschten Hoffnungen, ihre Zweifel, nun auch ihr Erschrecken. Ihnen wird nicht nur warm ums Herz, ihr Herz brennt, als dieser Fremde mit ihnen spricht. Und als er ihnen die Distanz anbietet (...und er stellte sich, als wollte er weitergehen...V. 28), da bitten sie ihn nicht nur zu bleiben, sie nötigen ihn. Und er bleibt. Und er feiert das Abendmahl mit ihnen. Nur Tage zuvor hatte er das auch getan. Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Nehmt hin und esst und trinket alle daraus, nehmt mich in euch auf. Nähe pur! Und im Abendmahl erkennen sie ihn. „Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach ́s und gab ́s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.“ (V. 30+31) Lothar Zenetti schreibt dazu:
„Die Emmaus-Jünger - und dieses geheimnisvolle „Sie erkannten ihn – doch da entschwand er ihren Blicken...“ - Wir lesen es gewöhnlich so, als habe er sich von ihnen entfernt. Doch man könnte es auch anders verstehen: Einen Menschen uns gegenüber können wir noch sehen, auch die eigene Hand. Aber unsere Nase, unseren Mund? In unser eigenes Auge können wir nicht sehen, weil es so nahe ist. Vielleicht entschwindet Jesus unseren Blicken, weil er uns noch einmal näher kommt und leben will in uns...“
Und plötzlich wird mir einiges klarer. Die Gottesdienste vor und zur Konfirmation, die mich so befremdet hatten: Der Kaugummi, die Mütze, das Rein- und Rausgelaufe, um schnell mal eine zu rauchen ... Und dann noch Abendmahl.
Zunächst dieses lange Zögern – konnte man sich nicht vor dem Abendmahl drücken? Ich habe noch nie so viele erlebt, die die Hostie eintauchten. Es warenspürbar nicht Hygienebedenken, sondern die Suche nach Distanz. Nur nicht zu nahe kommen lassen. Könnte irgendwas in Bewegung bringen. Vielleicht ist das Abendmahl wirklich eine Überforderung, wenn wir doch so darauf bedacht sind, den Sicherheitsabstand zu wahren? So viel Nähe auf einmal kann schon gefährlich werden. Aber sollten wir als Verantwortliche in der Gemeinde uns nun tatsächlich umstellen? Muss jetzt unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass jeder seine Distanz wahren kann? Gottesdienste so zu gestalten, dass sie möglichst oberflächlich und unverbindlich sind, so dass jeder, der kein gewohnheitsmäßiger Gottesdienstbesucher ist, sich darin wohl fühlt? Die Menschen dort abholen, wo sie sind, die Schwelle nicht zu hoch legen? Niemandem zu nahe treten?
Vielleicht - bei „Einsteigergottesdiensten“: Familiengottesdienst, Jugendgottesdienst, vielleicht sogar noch an Weihnachten. Aber gewiss nicht bei einer Konfirmation oder auch Taufe. Auch Konfirmandenwochenenden oder Osterfreizeit scheinen mir verfehlt, wenn sie allein der Gemeinschaft und dem Spaß verpflichtet sind. Auseinandersetzung mit und Nähe zur christlichen Botschaft darf und muss schon erlaubt sein. Das Angebot, dass Gott uns (zu) nahe tritt. Das Geheimnis liegt wohl darin,
• die Menschen nicht auszulassen so wie Jesus die Emmaus-Jünger nicht ausließ, als sie die Distanz suchten. Denn eigentlich wollten sie sie nicht wirklich, sie konnten sich nur nicht vorstellen, wie Nähe jetzt noch aussehen könnte
• sie abzuholen, wo sie sind, so wie Jesus den Emmaus-Jüngern zuhörte, sie wahr nahm und sie ganz behutsam dahin führte, dass sie erkannten, was sie sich eigentlich wünschten
• ihnen Distanz anzubieten so wie Jesus den Emmaus-Jüngern anbot weiter zu gehen, und sie damit dazu befreite, ihren Wunsch nach Nähe selbst klar zu äußern
• und ihnen dann Nähe zu bieten, vorbehaltlos und grenzenlos, so wie Jesus den Emmaus-Jüngern nahe kam.
Herr, hilf uns dabei.
Amen.


Katrin Arnold, Mai 2012

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