Gebet, Glaube und die Wirkmacht Gottes

Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.

(Rabindranath Tagore)

Seit einiger Zeit beschäftigt mich der Zusammenhang zwischen Gebet, Glaube und Erleben der Wirkmacht Gottes, ausgelöst durch die Lektüre eines Textes aus dem Markus-Evangelium: Mk 6, 1-6, besonders die Verse 5+6:

Und er ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt und seine Jünger folgten ihm nach. Und als der Sabbat kam, fing er an zu lehren in der Synagoge. Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er dies? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und solche Taten geschehen durch seine Hände? Ist der nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause. Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte. Und er verwunderte sich über ihren Unglauben. Und er zog ringsumher in die Dörfer und lehrte.

Da steht doch allen Ernstes: Er konnte nicht.

Nun glaube ich nicht wirklich, dass Gott nicht auch ohne meinen Glauben Wunder tun kann, was wäre sonst mit der Schöpfung?

Ganz sicher beraubt mein Unglaube Gott nicht der Fähigkeit Wunder zu tun.
Aber es scheint doch einen direkten Zusammenhang zu geben zwischen dem Erleben der Wirkmacht Gottes und dem Glauben.

Im Paralleltext Mt 13, 58 heißt es: 
Und er tat dort nicht viele Machttaten um ihres Unglaubens willen.

Ich habe dann weiter geforscht: Die Heilungen Jesu stehen meist im Zusammenhang mit dem Glauben des Betroffenen. Zumindest für Matthäus besteht da ein unmittelbarer Zusammenhang. In seinem 9. Kapitel wimmelt es davon:

Matth. 9, 2  Die Heilung des Gelähmten
Als Jesus nun ihren Glauben sah, sprach er…

Matth. 9, 20 – 22  Die blutflüssige Frau
Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.

Matth. 9, 27 – 30a  Die Heilung zweier Blinder
Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Du Sohn Davids, erbarme dich unser! Als er aber ins Haus kam, traten die Blinden zu ihm. Und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? Da sprachen sie zu ihm: Ja, Herr. Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! Und ihre Augen wurden geöffnet.

Dazu Mk 10,52:  Heilung des blinden Bartimäus
Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Das sind nur ein paar Beispiele. Je mehr ich die Bibeltexte unter diesem Aspekt lese, desto mehr ähnliche Geschichten finde ich.

Interessant ist vor allem: Da geschieht nicht erst die Heilung und daraufhin glauben die Menschen. Sondern gerade umgekehrt! Der Glaube ist Voraussetzung!

Glaube kann Jesus sogar umstimmen - Matth. 15, 21–28:

Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen:  Lass sie doch gehen

(andere Übersetzung: stell sie zufrieden), denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihres Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Da ist Jesus offensichtlich fest entschlossen, nicht nachzugeben.
Doch der feste Glaube der Frau, die nicht nachlässt in ihrem Bitten, überzeugt ihn. Ihr hartnäckiges Bitten hat Erfolg.

Jesus fordert uns auf zu beten und zu glauben, dann wird unser Gebet erhört, sagt er, und wir werden Wunder sehen. 

Das hat eine Riesenverheißung!

Matth. 18,19: 
Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch einig werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.

Das wird unterstrichen durch Ereignisse

z.B. Der verdorrte Feigenbaum: Ein mächtig hungriger Jesus lässt seiner Enttäuschung, an einem Feigenbaum keine einzige Feige zu finden, freien Lauf. Der Feigenbaum verdorrt.
Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird´s geschehen. Und alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr´s empfangen (Mt 21, 20-22) 

Wieviel Glaube ist nötig, damit das wirklich eintritt?

Es klappte ja noch nicht mal bei den Jüngern, die doch täglich mit Jesus in direktem Kontakt standen. Die Heilung eines mondsüchtigen(Mt)/besessenen(Mk) Knaben. Da bringt ein Mann seinen Sohn zu den Jüngern, aber sie können ihm nicht helfen. Ziemlich genervt nimmt Jesus die Sache selbst in die Hand und heilt den Jungen.

Da traten die Jünger zu Jesus, als sie allein waren, und sprachen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Er aber sprach zu ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein (Matth. 17,19 – 22).
Markus schildert noch ein vorangehendes Gespräch mit dem Vater des Jungen: Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Auch hier fragen die Jünger nach der Heilung durch Jesus. Mk 9, 22b-24.28f:

Und als er ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten (und Fasten).

Es scheint nicht viel Glauben nötig zu sein, aber doch ein wenig!

Jakobus schreibt: 
Wenn ihr zweifelt, wenn ihr nicht glaubt, könnt ihr euch das Beten gleich schenken. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und aufgepeitscht wird. Ein solcher Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde (Jakobus 1,6.7).

Paulus schreibt über den Glauben, dass er mehr ist als Hoffnung!:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (Hebr. 11,1)  und unterstreicht mit zahlreichen Beispielen aus dem Alten Testament – von der Schöpfung bis Ende -, was Glaube bewirken kann (Hebr. 11, 2– 34).

Das ist also kein Einzelbefund, sondern die Aufforderung zieht sich durch: Betet und glaubt, dass Gott euer Gebet erhört!

Petrus ist der erste, der es ausprobiert und feststellt: Es funktioniert. Bei seiner ersten Heilung beruft er sich auf diesen Glauben:
Und durch den Glauben an seinen Namen hat sein Name diesen, den ihr seht und kennt, stark gemacht; und der Glaube, der durch ihn gewirkt ist, hat diesem die Gesundheit gegeben vor euer aller Augen (Apg.  3,16).

Für mich ergeben sich daraus viele Fragen:

Wie eng ist der Zusammenhang zwischen meinem Glauben und dem Wirken Gottes in der Welt? 

Würde die Welt anders aussehen, wenn ich Gott mehr zutrauen und zuversichtlicher glauben würde? Na gut, wir müssten zumindest zu zweit sein.

Ist das vielleicht auch eine Antwort auf so manche Frage „warum lässt Gott das zu?“ Muss ich mir vielleicht doch den Vorwurf gefallen lassen: „Ja, weil du nicht genügend geglaubt hast.“? Das ist ärgerlich und würde mir, wenn ich Unabänderliches hinnehmen muss, noch mehr aufladen.

Wieviel Verantwortung gibt mir das für Dinge, die eben nicht so laufen, wie ich sie mir wünschen würde?

Warum ändere ich sie nicht – durchs Gebet?

Warum habe ich so große Angst vor der Macht, die mir Gebet geben würde?

Warum habe ich so große Angst davor, evtl. enttäuscht zu werden, dass ich erst gar nicht erst entschlossen bete?

Was ist mit den Dingen, die sich auch trotz meines ernstlichen Gebetes nicht ändern?

Kann ich Gott durch mein Gebet „zwingen“? Ich hoffe und denke, eher nicht. Die Grenze des Gebetes ist auch immer das „Dein Wille geschehe“.

Auch Jesus hat nicht alles gebetet, was ihm möglich gewesen wäre. Beispiel dafür ist die Versuchung Jesu (Mt 4, 1-11) oder auch sein Verhalten bei seiner Gefangennahme:
Er hindert  Petrus, ihn mit dem Schwert zu verteidigen: Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken? (Mt 26,53)

Glaube ist ein Baum.
Er wächst
in der Wüste.

Glaube lebt
in der Hoffnung
vergeblich zuweilen
dass Gott den Regen schickt.

Glaube ist zärtliches Vertrauen
vergeblich zuweilen.

(Michael Francis Dei-Anang)

Welche Gebete werden erhört? Sicher nicht jeder Kleinkram, der mir gerade in den Sinn kommt, oder egoistisches „Haben-Wollen“.

Im Johannes-Evangelium heißt es:
Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf dass der Vater verherrlicht werde im Sohn. Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun (Joh. 14, 13f).

„In meinem Namen“ heißt sicher nicht, dass alles erfüllt wird, wenn ich ein „in Jesu Namen. Amen“ hinterherplappere. Aber die Dinge, bei denen ich überzeugt bin, sie wären in seinem Sinne, wo ich mit Fug und Recht annehmen kann, er würde seinen Vater darum bitten – wenn ich ihn nicht als Lügner oder größenwahnsinnig hinstellen will, muss ich davon ausgehen, dass sie große Chance auf Gebetserhörung haben.

Was könnte dann unser ökumenisches Friedensgebet bewirken, wenn wir tatsächlich auf die Wirksamkeit unseres Gebetes vertrauen?

Sie merken, ich bin mit dem Thema nicht durch.
Es wird mich noch lange beschäftigen.
Was meinen Sie dazu?
Wenn Sie Lust haben, sprechen Sie mich doch mal nach einem Gottesdienst an.

Herr, schenke mir Glaube wie ein Senfkorn, 
hilf meinem Unglauben.
Schenke mir den rechten Blick auf die Situationen,
den Mut, mich ggf. der Enttäuschung zu stellen,
und den Mut, dich um echte Veränderung zu bitten.
Ganz konkret und – ehrlich, jetzt.
Amen

Katrin Arnold