Komm, heilger Geist – erfülle uns, öffne uns!

Euer Herz ist voller Trauer, denn ich werde weggehen und ihr werdet alleine zurückbleiben! Das klingt wenig pfingstlich, und es wird sicher keine Begeisterungsstürme hervorrufen, was Jesus seinen Freunden und Freundinnen mit auf den Weg gibt. Johannes spricht hier von der Ratlosigkeit und Trauer, die die Jünger befällt, als Jesus ihnen erzählt, dass er bald nicht mehr bei ihnen sein wird.

Jesus lässt seine Freunde und Freundinnen allein und sie meinen, jetzt wäre alles zu Ende, jetzt wäre alles aus. Kein Wunder, dass sie sich, als es dann tatsächlich geschehen ist, als Jesus wieder in den Himmel zu seinem Vater zurückgekehrt war, zurückziehen – in ein Haus in Jerusalem. Und sich dort einschließen, verschließen, in sich selbst verkriechen.

Ähnlich wie bei dieser Kugel hier. Ein rauer verschlossener grüner Ball auf einem Stiel. Gedrungen, eng zusammengedrückt. Zwischen den Blättern versteckt.

Eine kleine, gedrungene, raue Kugel. So sieht die Pfingstrose am Anfang aus. Bis die Schale aufbricht. Bis die Farbe hinausscheint. Der Sonne und dem Auge des Betrachters entgegen. Der Panzer bricht auf. Die Rose entfaltet sich. Erst langsam, dann immer kräftiger zeigen die Blüten ihre Farben der Welt um sie herum.

Ähnlich ist es auch mit Pfingsten. Auch da bricht sich etwas Bahn, das zur Welt kommen will. Da befreit sich die rote Farbe, die Farbe des Geistes, der Hoffnung, der Kraft und des Trostes aus ihrer rauen Hülle und strahlt in die Welt hinein.

Wie hatte Jesus doch gesagt: Wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in aller Wahrheit leuchten. (Johannes 16,7.13)

Aber wer hätte gedacht, dass er gleich so gewaltig kommen würde, der Pfingstgeist, den Jesus vorausgesagt hatte. Ein Brausen vom Himmel, Zungen zerteilt wie von Feuer, begeisterte Frauen und Männer, die nach draußen liefen und, erfüllt vom Heiligen Geist, anfingen zu predigen. In Sprachen, die sie nie gelernt hatten. Und trotzdem wurde verstanden, was die vom Heiligen Geist Erfüllten erzählten: Dass Jesus sie doch nicht für immer verlassen hat, wie sie meinten. Dass er durch seinen Heiligen Geist mitten unter ihnen ist. Dass der Trost, den er ihnen zu seinen Lebzeiten geschenkt hatte, sie auch jetzt noch erreicht. Ja, dass jeder seine begeisternde Kraft, die Kraft seiner Worte und Taten spüren kann, auch wenn Jesus selbst nicht bei ihnen ist. Viele ließen sich von dieser Pfingstbotschaft anstecken und begeistern, mehr als dreitausend Menschen ließen sich taufen, so heißt es in der Apostelgeschichte.

Pfingsten: Die raue Schale bricht auf, da bricht sich etwas Bahn, das zur Welt kommen will. Blühendes Leben strahlt in die Welt hinein, wie die Blüte dieser Pfingstrose.

Das war damals vor 2000 Jahren so. Doch wie ist das bei uns heute. Haben auch wir das Gefühl, eine blühende, farbige Blume vor uns zu sehen, wenn wir an unsere Kirche, an unseren Glauben, an das Wirken des Geistes Jesu Christi unter uns denken? Viele, gerade hier bei uns in Deutschland, sind verzagt, wenn sie an die Zukunft unserer Kirche denken. Wie soll die Botschaft des Jesus von Nazareth noch einen Platz in unserer – von Massenmedien und Freizeitkultur – bestimmten Welt finden? Viele trauen sich nicht, ihren Glauben öffentlich zu bekennen, weil sie fürchten, dass ihr Bekenntnis keine Resonanz findet oder sie sogar dafür verspottet und verlacht werden. Und so fragen sich heute viele sorgenvoll, wie die Zukunft unserer Kirche aussehen wird. Verschlossen, eine in sich geschlossene Gemeinschaft, und somit alles andere als blühend und so kraftvoll wie diese Pfingstrose?

Wenn wir so denken, verschließen wir uns wie diese Knospe hier in sich verschlossen ist. Wir trauen dem Geist Gottes nicht zu, uns zu öffnen, uns zum Blühen zu bringen. Dem Geist Gottes, der auch zu uns kommt, der auch unter uns wirkt und uns begeistern will. Natürlich haben wir es nicht in der Hand, unsere Kirche von Grund auf zu ändern – wir können all das, was uns Sorge macht, wenn wir an die Zukunft unserer Kirche hier in unserem Land denken, nicht mit eigener Kraft und unserem eigenen Wollen so einfach in andere Bahnen lenken. Auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen.

Aber wir können uns begeistern lassen von dem Geist, der an Pfingsten in die Welt kam. Und so ein Stück dieser Begeisterung zu unserem Mitmenschen in diese Welt tragen. Wir können uns vom Geist Gottes zum Blühen bringen lassen und andere durch unser Blühen auf den Geist Gottes aufmerksam machen.

Die unscheinbare, enge Knospe der Pfingstrose ist aufgesprungen. Sie gibt preis, wie viel Farbe und Leben in ihr steckt. Der Geist Gottes schenkt Hoffnung, Kraft, Freude und Trost. Der Wind zerstreut die zarten Blütenblätter der Pfingstrose über den ganzen Garten, und manchmal sogar über den Zaun hinweg. Der Geist Gottes gab den Jüngern die Kraft, die Botschaft Jesu in alle Welt zu tragen. Und er gibt auch uns die Hoffnung, dass es weitergehen wird mit uns, mit unserer Kirche und mit unserer Welt.


Wie eine verschlossene Knospe
in sich ruhen
stimmig werden
den richtigen Moment erwarten

Wie eine aufbrechende Knospe
sich entwickeln
wachsen
sich öffnen

Wie eine sich entfaltende Knospe
aufblühen
hoffnungsvoll
lebensfroh

Pfingsten
Komm heiliger Geist,
erfülle uns,
belebe uns,
öffne uns,
bewege uns,
führe uns,
komm zu mir. (Verena Rüger)

Susanne Kießling-Prinz, Pfarrerin